Blog

Julia Wöllenstein: Von Kartoffeln und Kanaken

Warum Integration im Klassenzimmer scheitert.

Das Buch “Von Kartoffeln und Kanaken” von Julia Wöllenstein entstand nach einer ZDF-Reportage über den Berufsalltag zweier Lehrer. Die Münchner Verlagsgruppe zeigte Interesse an einer Buchveröffentlichung und wandte sich an die Lehrerin.

Die Auswahl des Titels ist eine Anspielung auf Berichte, wonach sich Spieler der Fußballnationalmannschaft mit und ohne Migrationshintergrund sich gegenseitig als “Kartoffeln” und “Kanaken” verspottet haben sollen.

woellenstein
Julia Wöllenstein
Von Kartoffeln und Kanaken
Warum Integration im Klassenzimmer scheitert. Eine Lehrerin stellt klare Forderungen.

Produktdetails

EAN: 9783961213818
Warum Integration im Klassenzimmer scheitert. Eine Lehrerin stellt klare Forderungen.
MVG Moderne Vlgs. Ges.
April 2019 - 192 Seiten
Format: PDF

Der Dokumentarfilm und das Buch sind Zeitbelege, warum Integration im Klassenzimmer scheitern muss, wenn bestimmte Voraussetzungen dafür fehlen. Sie haben weniger mit der Person des Lehrers zu tun als vielmehr damit, dass unterschiedliche Gesellschaftsauffassungen aufeinanderprallen und selbst besonders ausgebildete Lehrer mit der Lösung der daraus entstehenden Konflikte an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen.

Lehrerin an einer Gesamtschule

Julia Wöllenstein ist eine engagierte Lehrerin an einer Gesamtschule in Hessen mit kulturellem Schwerpunkt. Sie hat durch ihre Ausbildung beste Voraussetzungen, damit Integration gelingt. Die Pädagogin unterrichtet evangelische Religion und Englisch. Zu ihrer Ausbildung gehört außerdem Sozial- und Theaterpädagogik. An der Universität Kassel hat Julia Wöllenstein einen Lehrauftrag für ästhetische Bildung

Aber, in dem sehenswerten Dokumentarfilm (verfügbar bis 18.9.2021) ist deutlich zu erkennen, dass diese umfangreiche Qualifikation alleine nicht genügt, um die Diskrepanz zwischen Lehrauftrag und Schulalltag zu bewältigen.

Kann Integration in Schulen gelingen? Wie?

Julia Wöllenstein setzt sich dafür ein, Schülern aus bildungsfernen Elternhäusern und Schülern mit Migrationshintergrund mehr gesellschaftlichen Rückhalt zu geben.

Die Mehrzahl ihrer Schüler hat einen Migrationshintergrund. Daraus entstehen aufgrund der oft nur rudimentären Deutschkenntnisse Probleme, aber nicht nur deswegen. Unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe führen zu Konflikten untereinander, die einen Lehrer vor Aufgaben und Herausforderungen stellen, die weit über das normale Unterrichten hinausgehen.

Julia Wöllenstein will einer falschen Entwicklung entgegensteuern. “Falsche Toleranz” sieht die dreifache Mutter als eines der Hauptübel, sie bringe nicht weiter. Sie befürwortet ein Kopftuchverbot an Schulen und kritisiert einen “Söhnchenkult” muslimischer Familien. Dass diese Einstellung sich nicht politisch “rechts” verorten lässt, ist inzwischen auch bei den Medien angekommen, die sich ebenso wie die Politik lange Zeit blind gegenüber den Konflikten in der Schule gezeigt haben.

Klare Forderungen?

“Warum Integration im Klassenzimmer scheitert. Eine Lehrerin stellt klare Forderungen”, lautet der Untertitel des Buches. Julia Wöllenstein, so der Eindruck, leistet in der Schule den Beitrag, den die Gesellschaft von ihren Lehrern erwartet. Aber viele Lehrer drohen mit ihrem Wissen und Idealen an der Realität des Schulalltags zu scheitern. Das war bereits schon vor der Migrationswelle der Fall, wird aber für viele Lehrer durch das Eindringen gesellschaftlicher Konflikte und unterschiedlicher Erziehungsvorstellungen zu einer verschärften Belastung.

In ihrem Buch beschreibt die 43-Jährige eigene Erlebnisse, wie sie sagt: muslimische Familien, die ihre Söhne zu kleinen Paschas erziehen und jeden Versuch einer Verhaltenskorrektur untergraben; Kinder, die im Ramadan Mitschüler auffordern, Brot und Getränke wegzupacken; die “Dauerschleife Hurensohn”, durch die Streitereien bei Beleidigung der Mutter automatisch eskalieren, erwähnt das ZDF.

Sie hält die patriarchalischen Strukturen für das entscheidende Problem im Schulalltag. Sie passen nicht in ein demokratisches System, sagt die Lehrerin.

Aber wie will sie das ändern? Julia Wöllenstein fordert von der Gesellschaft, Auswüchsen konsequent entgegenzutreten und plädiert beispielsweise für ein Kopftuchverbot an Schulen. Wenn das Kopftuch schon in jungen Jahren angelegt werde, verändere sich die Wahrnehmung der Mädchen, und die eigene Unfreiheit werde zur Normalität.

“Statt Religionsunterricht sollten wir ein Fach wie “Werte und Normen in meiner Klasse” einführen, schlägt die Pädagogin vor. Das Unterstufengymnasium solle abgeschafft und die integrierte Gesamtschule als einzige Schulform angeboten werden, in der Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam lernen.

Unterstützung erhält die Lehrerin von der Bildungsgewerkschaft GEW. “Alle Maßnahmen, die dazu führen, dass Chancengleichheit und Bildungsmöglichkeiten für alle unabhängig von Hautfarbe und Herkunft erhöht werden, sind der richtige Weg”, sagt Hessens GEW-Vorsitzende Maike Wiedwald laut ZDF.

Es ist allerdings mehr als fraglich, ob das Schulsystem, dem rund 50 Milliarden Euro allein für die Sanierung der Schulgebäude fehlen, Geld für mehr Lehr- und Hilfskräfte zur Verfügung stellen wird. Aber es reicht offenbar, Forderungen zu stellen, Binsenweisheiten zum Besten zu geben, um damit einen guten Eindruck zu machen, auch wenn sich dadurch nichts ändert.

Kürzungen im Bildungsbereich

Mit dem Haushaltsentwurf für 2020 kündigte die Bundesregierung ihren Zahlungsunwillen für den Bildungsbereich an: Es sind Kürzungen von 533 Millionen Euro (-2,9 Prozent gegenüber 2019) im Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geplant.

Dass diese Pläne auf Kritik aller Bildungsverantwortlichen stoßen, ist naheliegend. Aber offenbar glauben bildungs- und realitätsferne soziale Schichten in Ministerien, Behörden und Instututionen, man könne auch unter den neuen Bedingungen Bildung wie vor vielleicht 50 Jahren vermitteln. Oder sie setzen auf Selbstregulierungsmechnismen oder auf das Prinzip der darwinschen Auslese.

So erklärte zum Beispiel das hessische Kultusministerium, die Integration sei keine Aufgabe, die nur von Schulen übernommen werden sollte, sondern vielmehr auch von der Gesellschaft. Wer ist “die Gesellschaft”? Lässt sich das Problem etwa akademisch lösen? Den verzweifelten Lehrern und bildungswilligen Schülern und Eltern, die dem Downgrading zusehen müssen, wird mitgeteilt, Schule sei vorrangig ein Ort der Bildung und nur zweitrangig ein Ort der Erziehung. Diese sollte primär im Elternhaus stattfinden.

Und wenn keine Erziehung im Elternhaus stattfindet, weil die Eltern dazu nicht in der Lage oder bereit sind oder sogar mit einer patriarchalischen, undemokratischen Erziehung ihrer Kinder gegen die Lehrer arbeiten, die daran gehindert werden, ihren Auftrag zu erfüllen?

Dass und wie sich die Lehrerin Julia Wöllenstein äußert, ist laut Kultusministerium ihre Privatangelegenheit. Es stehe Lehrkräften in Hessen frei, sich als Privatperson zu bildungspolitischen Themen zu äußern. “Diese Ansichten müssen keinesfalls immer deckungsgleich mit denen des Kultusministeriums beziehungsweise des Dienstherrn sein.”

Die Hervorhebung des “Dienstherrn” (gendergerecht auch Dienstherrin) zeigt, dass Lehrer zwischen zwei unterschiedlichen autoritären, patriarchalischen Systemen feststecken.

Ein Eigentor

Die Zuwanderung stellt Julia Wöllenstein allerdings nicht infrage, es würde ihr auch schlecht bekommen. Im Gegenteil: “Wir brauchen diese Kinder dringend als Teil der Gesellschaft”, sagt sie. Ob die Padagogin dabei bedenkt, dass auch sie damit an der Kostenschraube dreht, die zur Senkung der Ausgaben für das Bildungspersonal und damit zu einer schlechteren Bildung für alle führt, weil das Geld für eine bessere Bildung für alle nicht zur Verfügung gestellt wird? Bildung genießt in Deutschland einfach keine Priorität.

Die Gesamtbelastung des Bundeshaushaltes für die Flüchtlingspolitik summiert sich nach Angaben des Bundesfinanzministers Olaf Scholz (SPD) bis 2022 auf rund 78 Milliarden Euro für den Bund. Für Integrationsleistungen wie Sprachkurse sind 13 Milliarden Euro vorgesehen.

Jeder zweite Zuwanderer, der hierzulande zum ersten Mal an einem Integrationskurs mit Deutschtest teilgenommen hat, schafft nicht auf Anhieb das angestrebte Kursziel, berichtet der Spiegel. Die Investition in Sprachkurse löst das Problem nicht. Hier aber hört das Verständnis der Geldmittelverteiler für die Probleme in der Schule auf, wie der Dokumentarfilm bestätigt.

Das Eckwertepapier des Bundeshaushalts 2020 demonstriert die Kapitulation vor den Folgen der Einwanderungspolitik. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will den Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) nicht erhöhen, wie es notwendig wäre, sondern gegenüber 2019 um 533 Millionen Euro kürzen. Langfristig, bis 2023, ist sogar ein Minus von 2,3 Milliarden geplant.


Titelfoto: geralt, pixabay

Schreibe einen Kommentar